Bauen | 2012/04 - 23. Februar, S. 12


Das siebente Jahr am Ostkreuz


Ab 16. April halten die S-Bahn-Züge in der neuen Ringbahnhalle. Zuvor sind auf dem östlichen Ring Umbau- und Prüfarbeiten nötig. Das bedeutet Vollsperrung zwischen Schönhauser Allee und Baumschulenweg bzw. Neukölln


Das siebente Jahr wird am Ostkreuz gebaut. Das verflixte siebente Jahr? Was manche Ehe zu Fall bringt, wird auf Großbaustellen natürlich von Anfang an anders angegangen: statt Strohfeuer genaues Prüfen, Abwägen, Planen. „Leicht wird es 2012 aber trotzdem nicht und die letzten Wochen mit den hohen Minusgraden waren auch nicht gerade hilfreich“, meint Axel Schulz, Projektingenieur und verantwortlich für die neue Signaltechnik und das neu entstehende elektronische Stellwerk (ESTW) Frankfurter Allee.

Axel Schulz
Axel Schulz, Projektingenieur für Leit- und Sicherungstechnik bei DB ProjektBau GmbH

Zunächst ist eine gewaltige Hürde auf dem östlichen S-Bahn-Ring zu nehmen – für Fahrgäste wie für Bauleute. Am 16. April soll die erste S-Bahn in der neuen Ringbahnhalle halten. In den bisherigen Bauphasen am Ostkreuz reichten Wochenend-sperrungen. Das ist bei der Vorbereitung zum Anschluss der Ringbahnhalle an das Netz nicht möglich.

Ringbahnhalle
Am 16. April hält die S-Bahn in der neuen Ringbahnhalle. Jetzt fährt sie noch dort, wo auf der Simulation der rote Regionalzug zu sehen ist. Dann kann der Regionalbahnsteig mit einem Dach komplettiert werden.
Simulation: DB AG

Die umfangreichen und komplexen Arbeiten bremsen jeglichen Bahnverkehr auf dem S-Bahn-Ring zwischen Schönhauser Allee, Neukölln und Baumschulenweg aus. Es werden die Komplettsperrung und  damit 16 Tage lang Ersatzverkehr mit Bussen für die Nutzer der S-Bahn-Linien S 41, S 42, S 8 und S 9 nötig. Lässt sich das nicht anders lösen?

„Wirklich nicht“, beantwortet Axel Schulz die Frage. „Die Inbetriebnahme des elektronischen Stellwerks Frankfurter Allee bestimmt den Zeitrahmen, und der große Umfang der Arbeiten ist anders nicht zu bewältigen. Wir müssen in diesem Zeitfenster die alte Signal- und Sicherungstechnik zurückbauen, über 200 Stück Isolierstöße des alten automatischen Streckenblocks ausbauen und durch 10 Meter lange Passenden ersetzen.

Ferner muss die gesamte neue Signaltechnik – dazu gehören unter anderem Signale, Streckenanschläge (im Sprachgebrauch Fahrsperre genannt), Weichen und Gleisstromkreise – in Betrieb gesetzt und geprüft werden.“ Mit Beginn der großen Sperrung werden erst einmal die Voraussetzungen zum Halt am neuen Ring-Bahnsteig geschaffen. Auf der nördlichen und südlichen Seite des neuen Bahnsteiges sind die Gleisanlagen anzuschwenken.

In diesem Zusammenhang werden auch zwei Hilfsbrücken über den Wiesenweg für die neue Eisenbahnüberführung eingebaut. Wenn all das getan ist, können die Arbeitszüge den Bereich verlassen und dann erfolgt die Inbetriebsetzung einschließlich der dazugehörigen Prüfarbeiten.

Ein elektronisches Stellwerk ersetzt drei herkömmliche

Alle Arbeiten, die vorher erledigt werden konnten, sind bereits getan. „103 Signale sind aufgestellt, etwa 250 Kilometer Kabel verlegt, das neue Stellwerksgebäude am S-Bahnhof Frankfurter Allee ist fertig. Insgesamt 107 Signale und 31 Weichen, 90 Fahrsperren und 167 Gleisfreimeldeanlagen werden während der Sperrung an das Stellwerk angeschlossen.

Mittels der Schaltbefehle des elektronischen Stellwerks steuern ab 16. April die Fahrdienstleiter aus der Betriebszentrale in Halensee alle Weichen und Signale auf dem Ostring zwischen Prenzlauer Allee und Neukölln. Drei herkömmliche Stellwerke werden so ersetzt“, erklärt Axel Schulz.

Schallschutzwände
Nördlich der Ringbahnhalle werden gerade die Schallschutzwände gebaut

Wer auf dem östlichen S-Bahn-Ring fährt, weiß, wie eng sich die Züge hier durch Häuserschluchten schlängeln, wie dicht die Gleise auf dem Damm beieinander liegen. Der Sicherheitsabstand für Pendelverkehr, der das Fahren auf einem Gleis und das Bauen am anderen ermöglichen würde, ist hier nicht gegeben.

Informationen zum Ersatzverkehr in der nächsten punkt 3

„Wir müssen sicher sein, dass nicht nur der gerade Weg Fahrdienstleiter – Computer – Signal einwandfrei funktioniert, sondern Tausende und Abertausende Schnittstellen, denn es geht um Sicherheit und Zuverlässigkeit“, so Schulz. Etwa 60 Prozent des S-Bahn-Netzes werden ab Mitte April elektronisch gesteuert.

Wenn das gesamte Netz umgestellt ist, übernehmen 15 elektronische Stellwerke die Arbeit von zirka 50 relaisgesteuerten Stellwerken aus den 70er, zum Teil sogar den 20er Jahren. In der Betriebszentrale Halensee sind alle ESTW zu drei Steuerbezirken zusammengefasst. Einer davon ist der S-Bahn-Ring. Jedes hinzukommende ESTW muss in dieses Gefüge eingepasst werden.

Das elektronische Stellwerk schickt über Lichtleiterkabel die Steuerbefehle in Sekundenbruchteilen verschlüsselt, störungs- und eingriffssicher vom Fahrdienstleiter der Betriebszentrale an das ESTW. Hier werden sie vom Computer entschlüsselt und an die Weichen oder Signale weitergegeben. Zwei getrennte Übertragungswege und ein Notbedienplatz vor Ort erhöhen die Sicherheit.
Am Ende des siebenten Jahres wird die DB wieder einen ganz großen Schritt vorangekommen sein auf dem Weg zur modernen Verkehrsstation Ostkreuz, an der dann in vier Jahren mehr als 100 000 S-Bahn- und Regionalverkehrskunden täglich
ein-, aus- oder umsteigen.

punkt 3 wird in den nächsten Ausgaben den Ersatzverkehr mit Bussen und die Umfahrungsmöglichkeiten vom 30. März bis 16. April auf dem östlichen S-Bahn-Ring ausführlich darstellen.

Sperrng am Bahnhof Ostkreuz

Für gut zwei Wochen fahren auf dem östlichen S-Bahn-Ring keine S-Bahnen. Es wird Ersatzverkehr mit Bussen eingerichtet.