Das Notizheft aus ihrer Geschenktüte wird Mira in Zukunft wohl nicht mehr aus der Hand geben. „Das kann mein Tagebuch werden“, sagt die Achtjährige strahlend. Gemeinsam mit ihrem großen Bruder Diaa sitzt sie im Nikolauszug von DB Regio Nordost auf dem Weg von Neustrelitz nach Potsdam.
Über ihren Hort hat Mira von der Fahrt erfahren und wollte unbedingt dabei sein. „Ich freue mich besonders, weil ich das erste Mal mit einem Zug zum Weihnachtsmarkt fahre“, erzählt sie. Und das obendrein noch mit einem eigens eingesetzten Sonderzug – denn im Regelbetrieb gibt es keine direkte Verbindung zwischen Neustrelitz und Potsdam.

Mira mit ihrem künftigen Tagebuch aus der Nikolaus-Geschenktüte.
Nur wenige Sitzreihen weiter hat Quentin bereits eine Zaubertafel aus seiner Geschenktüte ausgepackt und zeichnet konzentriert einen Weihnachtsmann – im Anime-Stil. Der 14-Jährige ist begeisterter Zeichner und Anime-Fan. Auf seinem Handy zeigt er stolz eine detaillierte Bleistiftzeichnung, die er zu Hause angefertigt hat.

Nach Apfel und Durstlöscher erkundet Elodie neugierig die weiteren Geschenke aus ihrer Nikolaustüte.
„In Potsdam war ich noch nicht so oft, deswegen freue ich mich besonders auf den Weihnachtsmarkt dort”, sagt er. Seine kleine Schwester Elodie hat sich derweil auf den Apfel und den Durstlöscher aus der Tüte gestürzt. Für die ganze Familie, die über einen Bekannten des Vaters zur Fahrt eingeladen wurde, ist der Ausflug wie ein gemeinsamer Familienurlaub.
In den liebevoll gepackten Geschenktüten verstecken sich in diesem Jahr auch selbstgestrickte Glühwürmchen. „Die hat die Mutter der Gebietsleiterin des schwarzen Netto-Marktes in Kiefernheide gemacht“, erzählt Thomas Frisch, der die Aktion seit vielen Jahren begleitet. „120 Stück, alle mit viel Liebe. Für sie war das selbstverständlich.“ Die Unterstützung durch Sponsor:innen und die DB Regio macht die Fahrt überhaupt erst möglich – besonders in diesem Jahr. Denn trotz der Sperrung zwischen Hamburg und Berlin, und dem dadurch erhöhten Verkehrsaufkommen, wurde der Zug zur Verfügung gestellt.

Hinfahrt geschafft: Lokführer Marco Griese und Domenic Hampe vor dem abgestellten Nikolauszug am Potsdamer Hauptbahnhof.
Entstanden ist die Aktion vor fast 30 Jahren aus einer Skatrunde heraus. Das Gründungsmitglied Hartmut Zimmermann, selbst Lokführer, hatte die Idee: Das Geld, das beim Preisskat zusammenkam und bisher an Kinderheime gespendet wurde, sollte künftig in Sachgeschenke für eine gemeinsame Zugfahrt fließen. „Die Bahn hat sofort mitgespielt und die Idee zu 100 Prozent unterstützt”, berichtet Marco Griese, der die Tradition seit 14 Jahren mitgestaltet. Die Fahrt führte über die Jahre nach Rostock, jahrelang nach Spandau und seit drei Jahren nach Potsdam. Eingeladen werden Familien, die sich solche Ausflüge normalerweise nicht leisten können, sowie Kinder aus Einrichtungen des betreuten Wohnens.

Quentin mit seinem gezeichneten Anime-Weihnachtsmann und einer seiner analogen Zeichnungen.
Am Bahnsteig in Potsdam wartet bereits der Nikolaus – ein Mitglied des Rotary Clubs – auf die Kinder und überreicht jedem einen Gutschein für eine Fahrt mit dem Riesenrad. Die Vorfreude auf den Holländischen Markt und die anderen Weihnachtsmärkte ist den Kindern anzusehen. „Es ist einfach schön, wenn du die Kinder dabei hast und siehst, wie sie sich freuen”, sagt Marco Griese. „Dafür machen wir das.“ | André Groth

