Ein paar Taschen über der Schulter – das ist alles, was Yvonne besitzt. Sie ist obdachlos und steht im zugigen Eingangsbereich des U-Bahnhofs Südstern. Man sieht ihr an, dass sie furchtbar friert. Ihre Hände zittern, als sie sich eine Zigarette anzündet – und ihr ist die Erleichterung anzusehen, als der blaue Bus mit der weißen Aufschrift „Kältehilfe“ eintrifft. Wenige Kilo­meter weiter hatten Anwohner die Kältehilfe gerufen, weil ein Obdach­loser, er heißt Giwan und kommt aus Rumänien, im Untergeschoss eines Treppenhauses schläft.


Andreas Splawski und Anna-Lena Czech helfen dem Obdachlosen Giwan beim Einsteigen (oben) und holen auch Yvonne vom U-Bahnhof Südstern ab.

So beginnt eine Nacht für die ehrenamtlichen Helfer:in-nen der Berliner Stadtmission: Mit einer Liste von wohnungslosen Personen, die Hilfe benötigen. Um 18 Uhr startete die Schicht für Anna-Lena Czech und Andreas Splawski. Die 23-Jährige hatte die Kältehilfe im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres bei der Berliner Stadtmission kennengelernt und hilft nun regelmäßig während ihres Studiums ehrenamtlich im Kältebus. Sie sieht hin, wenn andere wegschauen, kümmert sich um diejenigen, die andere absichtlich übersehen. Auch Andreas Splawski, Betriebsratsvorsitzender bei der S-Bahn Berlin, hilft seit Jahren ehrenamtlich bei der Berliner Stadtmission – so auch in dieser kalten Winternacht. Die beiden bieten den auf der Straße lebenden Menschen Schlafsäcke, heißen Tee oder Suppe an. Auf Wunsch der Obdachlosen fahren sie sie auch zu einem sicheren Übernachtungsplatz. Davon gibt es bei der Stadtmission knapp 300 an drei verschiedenen Standorten.


Ankunft in der Notübernachtung

 

Kältetote in Berlin verhindern

„Mit dem Kältebus und der Kälte-Notübernachtung will die Berliner Stadtmission Kältetote in Berlin verhindern“, erklärt Barbara Breuer, Pressesprecherin der Berliner Stadtmission. Die Kältebusse gibt es seit drei Jahrzehnten: Trauriger Anlass war der Erfrierungstod eines Obdachlosen. Der Kältebus ist in diesem Winter noch bis zum 31. März unterwegs, und viele Obdachlose verdanken ihm ihr Überleben.

Jede Nacht erreichen die Stadtmission rund 120 Anrufe – Meldungen zu hilflosen Obdachlosen. Sie kommen meist von Passanten oder Anwohnern, die die Nummer des Kältebusses gewählt haben. „Die Meldungen erscheinen dann als Aufträge auf dem Tablet-PC im Fahrzeug, und wir arbeiten sie dann nach und nach ab“, sagt Splawski.

 

Ein wenig Wärme und Musik

„So haben wir auch von Yvonne am Südstern erfahren“, sagt Splawski, nimmt ihre Taschen und bittet sie, in den Bus zu steigen. Wenig später nimmt auch Giwan auf der Rückbank Platz. Der 60-jährige Rumäne lebt seit Jahren auf Berlins Straßen. „Ich habe auf dem Bau gearbeitet und auf der Straße geschlafen, doch dann bin ich krank geworden“, erinnert er sich. Zurück nach Rumänien will er nicht. Vor sechs Jahren seien seine Eltern und seine Ehefrau bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ein Schicksalsschlag, den er bis heute nicht verarbeitet hat. „Ich habe in Rumänien niemanden mehr. Warum sollte ich dorthin zurückkehren?“, beschreibt er während der Fahrt seine traurige Lage.

Die Fahrt führt in Richtung Norden, zur Notübernachtung in Moabit. Um die Stimmung zu heben, bietet Anna-Lena an, Wunschmusik zu spielen. Und so ertönt schon bald eines der Lieblingslieder von Yvonne: „I just called to say I love you“ von Stevie Wonder. Sie schließt die Augen, wippt mit dem Fuß und singt leise mit. Und dann setzt auch Giwan mit ein. Ein herzerwärmender Moment, an dem die Sorgen kurz vergessen sind.


Ein Schlafsack für einen wohnungslosen jungen Mann, der in kurzen Hosen bei Minustemperaturen friert.

 

Brandanschläge bremsten die Hilfe aus

Es ist der Solidarität der Berlinerinnen und Berliner zu verdanken, dass der Kältebus überhaupt noch fährt: Unbekannte hatten Ende Dezember einen Kältebus angezündet. Das Fahrzeug brannte komplett aus, und das Feuer beschädigte auch einen weiteren Kältebus. Ein zweiter Brandanschlag folgte am Neujahrstag.

Doch so schockierend die Brand­anschläge auch waren, so groß waren Anteilnahme und Hilfsbereitschaft: Die Stiftung der Deutschen Bahn spendete 70.000 Euro für ein neues Fahrzeug, und die Gebewo lieh der Stadtmission einen Bus. Auch andere Träger und Firmen haben angeboten zu helfen, und viele Menschen spenden. Breuer freut sich: „Die Solidarität der Menschen ist über­wältigend für uns. So konnten wir die Kältebusfahrten ohne Unterbrechung fort­setzen.“ Rund 7.000 Obdach­lose, so schätzt man, gibt es in Berlin. Für sie können die niedrigen Temperaturen gefährlich werden. „Umso wichtiger, dass wir weiterhin unterwegs sind – wenn auch nur mit Ersatzbussen“, sagt Splawski. Er und Anna-Lena setzen Yvonne und Giwan in einer Not­übernachtung ab, und schon geht es weiter – zu Florian, der nahe des Hauptbahnhofs unter der Bahn­brücke auf einer Matratze liegt. Auch er wird zu einer Notübernachtung gebracht. Und dann ist es auch schon 1 Uhr – Schichtende für die beiden Helfer:innen. | Christiane Flechtner

 

Jeder kann helfen

Ein Anruf, der Leben retten kann: Der Kältebus ist unter Tel. 030 690 333 690 zwischen 20:00 Uhr und 2:00 Uhr zu erreichen. Bitte immer vorher fragen, ob die Person Hilfe möchte.
Weitere Infos: berliner-stadtmission.de/kaeltehilfe
Spenden für die Beschaffung bzw. Ausstattung eines neuen Kältebusses sind weiterhin willkommen: Verein für Berliner Stadtmission, IBAN DE67 3702 0500 0003 1555 00

 

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