Es war laut, leise, manchmal nachdenklich. Es war musikalisch, lustig, informativ – und immer kurzweilig. Der Kulturzug hat in den vergangenen Jahren viele Fahrgäste begeistert und ihre Reise nach Wrocław (Breslau) zu etwas Besonderem gemacht. Immer getreu dem Motto: Im Kulturzug beginnt das Ankommen schon beim Losfahren. Nach fast zehn Jahren – der erste Zug fuhr am 30. April 2016 – ist nun aber Schluss, denn der Kulturzug hat sein Ziel erreicht, der Fernverkehr übernimmt seine nachfragestarke Strecke. Bereits Ende Dezember 2025 ging es ein letztes Mal im Kulturzug von Berlin nach Wrocław. Zum Abschied wirft punkt 3 gemeinsam mit einigen Wegbegleiter:innen einen Blick zurück – und verrät, wie die Zukunft des Kulturzugs aussieht.
Begonnen hat die Erfolgsgeschichte des Kulturzugs mit der Ernennung Breslaus zur Europäischen Kulturhauptstadt 2016. Die Idee war es, während der 4,5 Stunden dauernden Reise, Kultur an Bord und Fahrgäste miteinander in Dialog zu bringen. Im Mittelpunkt stand die Auseinandersetzung mit aktuellen kulturellen und zivilgesellschaftlichen Themen der Menschen in der deutsch-polnischen Grenzregion. Eine Regionalbahn mit dem Anspruch Kulturen, Regionen und Generationen an Wochenenden zu verbinden.
Schon im ersten Jahr war das Programm vollgepackt. Eine der ersten Gäste war die in Breslau geborene Musikerin, Schriftstellerin, Journalistin und Bildkünstlerin Nadia Szagdaj. Auch der damalige Stadtschreiber Marko Martin kam zu Lesung und Gespräch in den Kulturzug. Ein erster Höhepunkt war zudem der Auftritt des Schauspielers und Sprechers Michael F. Stoerzer. Bei zwei Fahrten hat er live eine unterhaltsame Radioshow gesendet, die die Fahrgäste über Funkkopfhörer auf ihren Plätzen anhören konnten. Jedes Jahr stand das Programm des Kulturzugs unter einem anderen Motto. Immer hat das engagierte Team es mit viel Herzblut ausgestaltet – abwechslungsreich, unterhaltsam und informativ.
Was anfänglich für ein paar Monate geplant war, entwickelte sich so zu einem stark nachgefragten Kulturprojekt. Ende 2025 feierte der Kulturzug erfolgreich den Abschluss seiner 10. Saison mit einer Auslastung von 86,5 Prozent. „Unsere Fahrgäste haben den Zug ein Jahrzehnt lang geliebt, gebucht und gefeiert“, sagt der Künstlerische Leiter Oliver Spatz. Zusammen mit seinen Kolleginnen Ewa Stróżczyńska-Wille und Natalie Wasserman hat er das Projekt von Beginn an entwickelt und geleitet.
An dem mehrsprachigen und wechselnden Programm wirkten Kultureinrichtungen und Programmgäste aus beiden Ländern mit. „Wir merkten immer wieder, dass es bei den Interessen unserer Fahrgäste oft um ganz alltägliche Themen wie gesellschaftliche Teilhabe oder politisches Engagement geht“, beschreibt die Dramaturgin Natalie Wasserman die programmatischen Leitlinien ihrer Arbeit. „Jedes Wochenende sind wir auf historischen Spuren gefahren und suchten nach europäischen Verbindungen“, ergänzt die gebürtige Polin Ewa Stróżczyńska-Wille.
Auch einigen Stürmen musste das Projekt in der Vergangenheit trotzen und fand kreative Lösungen. Während der Covid-Pandemie entwickelte das Kulturzug-Team virtuelle Fahrten für das Internet. Dadurch gelang es trotz Lockdown, mit vielen Akteur:innen aus Kunst, Kultur und Zivilgesellschaft in Berlin, Brandenburg und Polen in Kontakt zu bleiben.
Nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hat DB Regio den Kulturzug für humanitäre Fahrten zur polnisch-ukrainischen Grenze eingesetzt. Mit der Hilfe von Freiwilligen wurden so über 6.000 geflüchtete Frauen, Kinder, Großeltern und unzählige Haustiere auf ihrem Weg nach Cottbus und Berlin begleitet. Für dieses Engagement wurde das Team 2023 mit der Europaurkunde des Landes Brandenburg ausgezeichnet.
Über sechs Jahre war die Deutsch-Polnische Gesellschaft Berlin e. V. Trägerin des Kulturprogramms, danach fand es bei Kulturprojekte Berlin GmbH ein neues Zuhause. Nun bricht das Kulturzug-Team unter der Leitung seines kuratorischen Dreiergespanns zu neuen Zielen auf – die Europäische Akademie Berlin e. V. freut sich schon darauf, den Kulturzug weiterzuentwickeln und seine europäische Dimension auszubauen.

Foto: DB Regio Nordost

Foto: Alexander Rentsch

Foto: Gaby Beiler

Foto: DB Regio Nordost

Foto: Natalie Wasserman

Foto: Mirella Frangella
Der Kulturzug hat dem deutsch-polnischen Regionalbahnverkehr wieder ein Gesicht gegeben. Durch die Finanzierung der Länder Berlin und Brandenburg und das gemeinsame Engagement mit den polnischen Partnern konnte er als regionale Direktverbindung zwischen Berlin und Breslau wieder Aufmerksamkeit für den grenzüberschreitenden Verkehr schaffen. Deutschland und Polen wurden auf der Schiene miteinander verbunden. Berlin, Brandenburg und die damalige Kulturhauptstadt Breslau einander nähergebracht und das Nachbarland für viele Menschen direkt erreichbar gemacht. Dass aus dem Kulturzug nun eine schnelle Fernverkehrsverbindung nach Breslau wird, ist ein großer Erfolg!
Christoph Heuing, Geschäftsführer VBB
Der Kulturzug ist ein Positiv-Beispiel gelungener deutsch-polnischer Zusammenarbeit auf der Schiene. Die Nachfrage ist über die Jahre immer mehr gewachsen und wir haben Angebot und Fahrplan kontinuierlich der steigenden Nachfrage angepasst. So wurde aus einem einjährigen Kulturprojekt eine dauerhaft nachgefragte Verbindung, die zehn Jahre lang Vertrauen, Austausch und Nähe zwischen Berlin und Breslau geschaffen hat.
Thomas Dill, Bereichsleiter VBB
So soll der Zug in diesem Jahr große Jubiläen in Europa begleiten, wie den 35. Jahrestag des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags und das 35. Jubiläum der Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Warszawa. Einen ersten Impuls dazu gab es bereits Anfang 2025, als das Angebot des Kulturzugs erweitert wurde: Unter dem Motto „Städte bewegen – Miasta Poruszaja“ fand vom 11. bis 16. Februar an Bord des Eurocity von Berlin über Posen nach Warschau und zurück erstmals ein mehrsprachiges Kulturprogramm statt. An sechs ausgewählten Fahrten wurden in einem extra angehängten Kulturwaggon Lesungen, Konzerte, Tanz, Talks, Performances, Workshops und vieles mehr präsentiert. Dieses Pilotprojekt könnte auf weitere Städte wie Gdańsk (Danzig) oder Kraków (Krakau) erweitert werden.
Einen besonderen Dank richten Oliver Spatz, Ewa Stróżczyńska-Wille und Natalie Wasserman an die Unterstützerinnen und Unterstützer, den VBB, DB Regio Nordost und die Niederschlesische Eisenbahn, Triebfahrzeugführer:innen und Kundenbetreuer:innen, die Programm- und Fahrgäste sowie an das Moderationsteam des Kulturzugs, das die Fahrten jedes Wochenende mehrsprachig betreut und dafür gesorgt hat, dass jede Reise aufs Neue zu einer Expedition mitten in Europa wurde, die noch lange in Erinnerung bleibt.
Zahlen
Dreizehn Mal hat der Kulturzug auf seinen 1.548 Fahrten die Erde umrundet. Mehr als 1.500 Programmgäste gestalteten die Veranstaltungen an Bord mit und über 116.000 Fahrgäste begaben sich auf die Reise mit „Geschichte und Geschichten im Gepäck“.
Ausgezeichnetes Angebot
- Der Kulturzug und sein Team haben in den vergangenen Jahren mehrere Preise erhalten:
- Europäischer Kulturmarken-Award 2017: In der Kategorie „Europäische Trendmarke des Jahres“ verliehen – eine Anerkennung für das einzigartige Kulturprogramm.
- Deutscher Schienenverkehrspreis 2018: Vom Deutschen Bahnkunden-Verband verliehen.
- FilmPolska-Award 2022: Verliehen vom polnischen Fremdenverkehrsamt.
- Europaurkunde des Landes Brandenburg 2023: Für die geleistete humanitäre Unterstützung des Kulturzug-Teams nach dem Überfall auf die Ukraine.

