Etwas Nervenkitzel und Aufregung sind schon dabei, als Admin Dahija, Jonas Dickau, Mathies Kastrati und Jerome Skowronek zum ersten Mal die neue Azubi-Leitstelle betreten. Heute wird es ernst. Keine Theorie im Klassenraum, sondern echter S-Bahn-Alltag.

Für 17 Azubis, allesamt im zweiten Lehrjahr ihrer Ausbildung zum:r Eisenbahner:in im Betriebsdienst, Fachrichtung Lokfüher:in und Transport (EiB), wurde eine Azubi-Leitstelle eingerichtet, um ihre Ausbildung ganz praxisnah zu ermöglichen. Dort übernehmen die Auszubildenden zwei Wochen lang, unter Anleitung von erfahrenen Kolleg:innen, die vollständige Disposition der Linie S3 mit Personal und Fahrzeugen.

Die Leitstelle ist Teil der umfang­reichen Ausbildung: „Die Azubis erlernen hier in ihrer Leitstelle die Grundlagen der Verkehrs- und Personaldisposition, also die Koordination von Mitarbeiter:innen und Fuhrpark“, erklärt Linus Leißner, Ausbildungsfachkoordinator.

Sind die S-Bahnen zur richtigen Zeit am richtigen Ort? Sind genügend Triebfahrzeugführende im Einsatz? Was geschieht, wenn ein Zug Verspätung hat? Wen informiert man, wenn es Änderungen im Fahrplan gibt? Welche Maßnahmen muss man bei Notfällen ergreifen? All das gehört in den Aufgabenbereich der jungen Auszubildenden – und muss erlernt und geübt werden. Die Tf der Linie S3 wurden im Vorfeld über den Azubi-Einsatz informiert.

 

Rein in die Praxis

Es ist kurz nach 13 Uhr, und in der kleinen Leitstelle am S-Bahnhof Olympiastadion herrscht geschäftiges Treiben: Die Azubis Jonas Dickau und Mathis Kastrati stehen gemeinsam mit Stefan Wyberneit, dem Trainer der Leitstelle, und Jörg Danckwortt-Rosenau, Lokführer und Bedarfs­disponent, vor den Bildschirmen. Sie besprechen die derzeitige Situation auf der Linie S3, die von Erkner nach Spandau fährt, im Berliner S-Bahn-Netz. „Schaut mal, dieser Zug hat viel Verspätung“, sagt Wyberneit.

„Lasst uns hier kurz kehren, damit die Lücken nicht so groß werden“, schlägt der Trainer der Leistelle den Azubis vor, als er die auf dem Bildschirm dicht aufeinanderfolgenden Züge sieht. Er erklärt, was er damit meint: „Eigentlich fahren die Züge, wie an einer Kette aufgereiht, immer im gleichmäßigen Abstand. Doch derzeit hat eine S-Bahn so viel Verspätung, dass sie mit der nächsten fast gleichzeitig fährt. Wir in der Leitstelle reagieren nun darauf und lassen den Zug nur bis Friedrichshagen fahren und drehen, damit er auf seinem Rückweg in Richtung Spandau wieder pünktlich ist und wir wieder gleich­mäßig in Tritt kommen.“

Der Leitstellen-Trainer fragt in die Runde: „Wer will dem Tf Bescheid sagen, dass wir die Reihenfolge drehen und er schon in Friedrichs­hagen kehren muss?“ Den Anruf tätigt dann Azubi Jonas und erklärt dem Kollegen im Führerstand die Situation.


Unter Aufsicht von Stefan Wybereit (l.), dem Trainer der Azubi-Leitstelle, analysieren Mathis Kastrati (M.) und Jonas Dickau (r.) die aktuelle Lage auf der S-Bahnlinie S3.
 

Pilotprojekt läuft gut

Leißner ist begeistert vom Engagement der Auszubildenden: „Bei der Azubi-Leitstelle handelt es sich um ein Pilotrojekt, und wir wussten nicht, wie es laufen würde“, sagt er. Im vorigen Lehrjahr seien die Azubis im Zuge ihrer Ausbildung zu Besuch in der Leitstelle im Werk Schöneweide gewesen und hätten dort Einblicke in den Auf­gabenbereich der Disponent:innen erhalten. „Doch die Kapazität der Leitstelle in Schöneweide reicht für die kommenden Lehrjahre mit mehr als 20 Azubis nicht mehr aus. Wir müssen aufgrund der steigenden Anzahl der Azubis neue Wege gehen“, erklärt Leißner. Und so sei die Azubi-Leit­stelle eingerichtet worden.

Die zwei Wochen zum Ausbildungsabschnitt Disposition waren für alle sehr intensiv: Nach zwei Tagen Theorie fand eine sogenannte Streckenbegehung statt. „Das heißt, wir sind die gesamte Linie S3 abge­fahren und haben uns die Strecke mit ihren Anlagen und den Kapazitäten der Bahnhöfe angeschaut“, erklärt Jörg Danckwortt-Rosenau. „Auch der Frage, wo man den Lokführern Pausen geben kann – also wo auf der Strecke sind Pausenräume und Toiletten vorhanden – sind wir nachgegangen“, fügt er hinzu.

Im Anschluss daran machten die Auszubildenden eine ganze Woche lang, aufgeteilt in eine Früh- und eine Spätschicht, Praxis-Erfahrung in der Azubi-Leitstelle. Am Anfang seien sie noch sehr unsicher gewesen, hätten jedoch schnell die Scheu davor verloren, mit den Tf in den Führer­ständen der S-Bahnen zu sprechen. Danckwortt-Rosenau freut sich: „Die Azubis sind großartig. Was sie hier in den wenigen Tagen gelernt haben, ist für ihr gesamtes Berufsleben von Bedeutung.“ Und Linus Leißner fügt hinzu: „Jetzt die rasante Entwicklung der Azubis zu sehen, ist für uns alle unbeschreiblich.“
 

Besseres Verständnis

Auch die Azubis sind begeistert. „Es ist für uns sehr cool, dass wir als spätere Triebfahrzeug­führende diese Einblicke erhalten, denn so können wir die Entscheidungen der Leitstelle besser nach­vollziehen“, sagt Admin Dahija. „Wir haben nun ein besseres Ver­ständnis für die anderen Berufs­gruppen. So haben wir erfahren, wie umfangreich die Arbeit der Disponent:innen ist und verstehen nun besser, warum es manchmal so lange braucht, bis wir eine Information erhalten“, fügt der 20-Jährige hinzu. Während die erste Hälfte der Auszubildenden die zweiwöchige praktische Ausbildung hinter sich hat, haben die restlichen EiB-Azubis den besonderen Einsatz noch vor sich: Sie werden ab Ende August in der Azubi-Leitstelle tätig sein. | Christiane Flechtner

Admin Dahija freut sich über die wichtigen Einblicke in die Arbeit von Disponent:innen.

Auch Azubi Jonas Dickau ist begeistert von der praktischen Arbeit.

Den vielfältigen Aufgaben in der Azubi-Leitstelle hat sich Mathis Kastrati gern gestellt.

Jerome Sworonek hat viel gelernt und freut sich auf die weiteren Abschnitte seiner Ausbildung.

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