Große Ingenieursleistungen in finsteren Zeiten: Vor 90 Jahren wurde der erste Abschnitt des Nordsüd-S-Bahn-Tunnels eröffnet. Seitdem geht es mit der S-Bahn bis zum Brandenburger Tor.

Berlin was hast du dich verändert! Wem schießt dieser Gedanke beim Gang durch die Stadt nicht hin und wieder durch den Kopf? Er trifft auch oft und an vielen Ecken zu – und an anderen dann doch wieder gar nicht. Der Nordbahnhof zum Beispiel sieht noch fast so aus wie bei der Eröffnung des Nordsüd-S-Bahn-Tunnels vor 90 Jahren. Nur hieß er da noch Stettiner Bahnhof. Bei allem, was er an drama­tischer Geschichte erlebt hat, ist es faszinierend, wie gut das Empfangsgebäude sich gehalten hat.

Vor 90 Jahren wurde möglich, was heute eine Selbstverständlichkeit ist: Aus Pankow, Tegel oder Oranienburg auf Schienen in die Berliner Innenstadt zu gelangen. Denn bis dahin war der Nordbahnhof ein Kopfbahnhof, alle Züge endeten dort. Wer weiter musste – in die Innenstadt oder zum Anschlusszug an einem anderen Bahnhof – konnte sich wahlweise zu Fuß, per Pferdedroschke, Straßenbahn oder in den Dreißigern mit dem Taxi ins Großstadtgetümmel stürzen. Die eng bebaute Innenstadt mit schmalen Gassen platzte in dieser Zeit der rasanten Urbanisierung aus allen Nähten, die Straßen waren verstopft. Ein S-Bahntunnel sollte die Lösung sein, er konnte die Platzprobleme verringern und die leistungsfähigen Vorortstrecken verbinden.

 

Blütezeit und Propaganda

Die S-Bahn hatte nach ihrer „Geburtsstunde“ mit Beginn der Elektrifizierung 1924 eine rasante Entwicklung genommen und befand sich in ihrer Blütezeit, sie galt als Sinnbild moderner Mobilität und wurde zu Propagandazwecken instrumentalisiert. Ab 1933 machte sich der Einfluss der NS-Diktatur bemerkbar. Während das Nazi-Regime unmittelbar nach der Machtergreifung die systematische Unterdrückungs-, Verfolgungs- und Tötungsmaschinerie in Gang setzte, sollten die Olympischen Spiele 1936 in Berlin der Welt ein freund­liches und positives Bild vor­gaukeln. Zu diesem Ereignis sollte auch der Tunnel fertig sein.

 


Zur Eröffnungsfeier des nördlichen Teilabschnitts der Nordsüd-S-Bahn in der Empfangshalle des Stettiner S-Bahnhofs drängten sich draußen Schaulustige. Im Hintergrund der Fernbahnhof. Foto: Historische Sammlung der Deutsche Bahn AG

 

 

Technische Meisterleistung mit tragischem Preis

Der Bau stellte die Ingenieure vor enorme Herausforderungen. Neben der Unterquerung von Spree und Gebäuden erschwerten hoher Grundwasserdruck, unterschiedliche Bodenschichten und der märkische Sand die Arbeiten erheblich. Trotz dieser Schwierigkeiten wurde das Projekt hastig vorangetrieben. 1934 begannen die Arbeiten. Während der Bauphase wurde der Tunnel um eine zweite Ebene erweitert, die zunächst als Abstellanlage diente und in Zukunft für die Anbindung der neuen Nordsüd-Verbindung S21/City-S-Bahn genutzt wird. Mehrfache Planänderungen führten jedoch zu Problemen: Am 20. August 1935 stürzte die Abstützung einer Baugrube ein. 23 Arbeiter wurden verschüttet, nur vier von ihnen konnten gerettet werden.

 


Für den Boulevard Unter den Linden gestaltete der Reichsbahn-Architekt Richard Brademann die Treppenzugänge des gleichnamigen Bahnhofs (heute Brandenburger Tor) in schlichter Schönheit. Um die Brüstung eines Zugangs drängt sich neugieriges Publikum. Foto: Archiv Berliner S-Bahn-Museum

 

Der hohe Zeitdruck im Vorfeld der Olympischen Spiele 1936 hatte seinen Preis gefordert. Unter großen Anstrengungen gelang es, das Teilstück Humboldthain – Stettiner Bahnhof (heute Nordbahnhof) – Oranienburger Straße – Friedrich­straße – Unter den Linden (heute Brandenburger Tor) am 27. Juli 1936 in Betrieb zu nehmen. Als die südlichen Abschnitte Potsdamer Platz – Schöneberg und Anhalter Bahnhof – Papestraße (heute Südkreuz) eröffnet wurden, hatte bereits der Zweite Weltkrieg begonnen. Es folgten Zerstörung, Wiederaufbau und die Zeit der „Geisterbahn­höfe“ während der Deutschen Teilung. Nach dem Mauerfall wurden bis 1992 alle geschlossenen Bahnhöfe wieder­eröffnet. Heute erfreut sich der Tunnel – wie vor 90 Jahren – großer Beliebtheit und erfüllt nach wie vor seine Aufgabe als Nordsüd-Verbindung mitten durch die Stadt.

 


Damals hieß die Station Unter den Linden, heute Brandenburger Tor – die lindgrüne Kennfarbe ist geblieben. Foto: André Groth

 

Der Nordsüd-S-Bahn-Tunnel im Lauf der Zeit

  • 1934 Baubeginn
  • 20.08.1935 Baugrubeneinsturz, bei dem 19 Arbeiter ums Leben kommen
  • 27.07.1936 Eröffnung des Abschnitts Humboldthain – Unter den Linden
  • 15.04.1939 Eröffnung des Abschnitts Unter den Linden – Potsdamer Platz
  • 09.10.1939 Eröffnung des Abschnitts Potsdamer Platz – Schöneberg
  • 05.11.1939 Eröffnung des Abschnitts Anhalter Bahnhof – Papestraße
  • 02.05.1945 Sprengung und Flutung des Tunnels während der Schlacht um Berlin
  • 15.11.1947 Wiederinbetriebnahme des gesamten Tunnels nach Instandsetzung
  • 13.08.1961 mit dem Mauerbau werden alle Ost-Berliner Bahnhöfe außer Friedrichstraße für den Verkehr geschlossen
  • 02.07.1990 Wiedereröffnung Oranienburger Straße
  • 01.09.1990 Wiedereröffnung Nordbahnhof, Unter den Linden
  • 01.03.1992 Wiedereröffnung Potsdamer Platz und Wiederinbetriebnahme des gesamten Tunnels nach Sanierung
  • 2015 das moderne Zugbeeinflussungssystem ZBS löst die mechanischen Fahrsperren ab

 

Mehr zum Thema gibt es im S-Bahn Museum

Wer mehr erfahren möchte, sollte das Berliner S-Bahn Museum besuchen. Die Sonderausstellung „Die Nordsüd S-Bahn – Berlins erste Eisenbahn im Untergrund“ widmet sich ausführlich der geschichts­trächtigen Strecke. Die nächsten Öffnungstage sind am Samstag, 15. August, 13–17 Uhr und am Samstag, 29. August, 11–17 Uhr.

Eintritt: 3 €, erm. 1,50 €
Ausstellungsort: ehemalige unterirdische WC-Anlage, zu finden auf dem Mittelstreifen der Behmstraße, Kreuzung Badstraße
s-bahn-museum.de
Bf Berlin Gesundbrunnen

 

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